Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus
Martin Ferdinand Quadal, Der Aktsaal der Wiener Akademie im St. Anna Gebäude,1787
© Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien
Avantgarde und Akademismus will einem alten Streit eine neue Form geben. Der Akademismus wird nicht als abwertender Begriff für alles Gestrige, und die Avantgarde nicht als Monopol auf das Neue verstanden. Vielmehr soll das kreative Spannungsfeld zwischen den beiden Konzepten freigelegt werden und zwar in einer tiefen historischen Perspektive ebenso wie als Positionierung im Feld der zeitgenössischen Kunst.
Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf eine Paradoxie: Giorgio Vasari, der unmittelbar an der Gründung der ersten modernen Kunstakademie, der Accademia del Disegno in Florenz (1563), beteiligt ist, sieht in Michelangelos Werken die erstmals seit der Antike erreichte und unüberbietbare Vollendung der Kunst. Diese Vollendung, die in gewissem Sinn das Ende der Kunst bedeutet, stellt die Voraussetzung für die Akademie dar, der es im Wesentlichen darum geht, dem göttlich-inspirierten Künstler einen akademisch-versierten zur Seite zu stellen, der in der Lage ist, diesem großen Vorbild zu folgen, ohne selbst notwendigerweise genial sein zu müssen. Dementsprechend stellen die Feierlichkeiten rund um die Beerdigung von Michelangelo (1564) die erste öffentliche Aktivität der Accademia dar. Deutlich vom traditionellen Modell der bottega und deren Organisationsform in den Zünften unterschieden, schreibt sich die Akademie gerade in dieser Spaltung zwischen Ideal und Effizienz in die modernen institutionellen Strukturen ein. Damit löst sie auch die seit dem 18. Jahrhundert fassbaren antiakademischen und später avantgardistischen Reflexe aus.
Die Ausstellung wird dieses grundlegende Wechselspiel zwischen Akademiegründung, Akademiekritik und Akademiereform an ausgewählten Beispielen bis in die Gegenwart hinein verfolgen. Dieses Wechselspiel lässt sich als das eigentlich produktive und dynamische Moment des modernen Kunstgeschehens begreifen; es lässt sich an den einzelnen künstlerischen Praktiken ebenso festmachen wie an der theoretischen Reflexion sowie in den institutionellen Strukturen.
Ausgehend von den großen Beständen der Kunstsammlungen der Akademie der bildenden Künste Wien und ergänzt durch bedeutende Leihgaben werden Hauptwerke der europäischen Malerei seit dem 16. Jahrhundert in Zusammenhang mit dem entstehenden diskursiven und institutionellen Feld der Akademien gebracht. Das Galeriebild des 17. Jahrhunderts, in dem sich die modernen Sammlungen erstmals spiegeln, wird in einer Art Wiederaufführung in den dreidimensionalen Raum einer studiohaften Szenerie mit wechselnden Akteur_innen beispielhaft reinszeniert.
Anlass für die Ausstellung ist ein besonderes Jubiläum – die Neugründung der „k. k. Hofakademie der Maler, Bildhauer und Baukunst“ nach französischem Vorbild durch Jacob van Schuppen im Jahr 1726 sowie im Gegenzug dazu die Brisanz von Debatten rund um Identitätspolitik, Diversität und geopolitische Verschiebungen, die die Felder von Bildung und Gesellschaft der Gegenwart bestimmen.
Gezeigt werden u. a. Werke von Giorgio Vasari, Sandro Botticelli, Tiziano Vecellio gen. Tizian, Artemisia Gentileschi, Charles Le Brun, Nicolas Poussin, Joachim von Sandrart, Pierre Subleyras, Januarius Zick, Franz Anton Maulbertsch, Heinrich Friedrich Füger, William Hogarth, Gustave Courbet, Francis Picabia, Roy Lichtenstein, Markus Lüpertz, Chris Reinecke, Jörg Immendorff, Katharina Sieverding, Louise Lawler, Vaginal Davis, Stephan Dillemuth, Andy Hope 1930, Gunter Reski, Hong Zeiss. Ergänzt werden die originalen Gemälde und Grafiken durch die akademische Praxis schlechthin: die Kopie, in unserem Fall alte und neue Kopien nach Gemälden der Hochrenaissance und des Barock, sowie durch Reenactments zeitgenössischer Künstler_innen wie Abel Auer, Alice Creischer, Thomas Eggerer, Michaela Eichwald, Abdulnasser Gharem, Stephan Janitzky, Jutta Koether, Birgit Megerle und Heimo Zobernig.
Kuratiert von Helmut Draxler