Sabine Folie, Foto: Elodie Grethen
Liebe Interessierte, liebe Besucher:innen der Kunstsammlungen der Wiener Akademie!
Mit unserem Herbstprogramm wollen wir die Anfänge der Akademiegründung und den damit verbundenen Auftrag als Bildungsinstitution der ersten Stunde in den Blick nehmen. Das hohe internationale Renommee der Akademie der bildenden Künste Wien gründet sich nicht zuletzt auf ihre frühe Entstehung im Jahr 1726 nach französischem Vorbild sowie auf die besondere Qualität und Vielfalt ihrer Sammlungen. Dazu zählen die Universitätsbibliothek, das Kupferstichkabinett, die Gemäldegalerie und die Glyptothek. Eine zentrale Rolle spielt die hochkarätige Gemäldesammlung des Grafen Anton Franz de Paula Lamberg-Sprinzenstein, der als Gesandter in Turin und Neapel wirkte, später Mitglied und Präsident der Akademie wurde und der Institution 1822 seine Sammlung vermachte. Mit der Auflage, diese öffentlich auszustellen und als Lehrsammlung zugänglich zu machen, verband sich ein klarer aufklärerischer Anspruch. Spätere Schenkungen erweiterten den Bestand um bedeutende Werke von Botticelli über Tizian bis Rubens und festigten die internationale Bedeutung der Akademie weiter.
In den letzten Jahren haben sich die Kunstsammlungen der Akademie mit ihrem einzigartigen Stellenwert als Teil einer lebendigen Museumslandschaft weiter etabliert. Grundlage dafür bilden die in Dichte und Qualität außergewöhnlichen Sammlungsbestände, die durch pointierte Gegenwartsbezüge, wechselnde Ausstellungsschwerpunkte und die Einbindung aktueller künstlerischer Positionen neu kontextualisiert werden. Im Zentrum steht dabei die Anschlussfähigkeit historischer Sammlungen – sowohl für Studierende als auch für ein breiteres Publikum.
Anstelle rein monografischer Präsentationen oder isolierter traditioneller Schulen der Kunstgeschichte eröffnen die Kunstsammlungen Perspektiven auf die wechselseitigen Beziehungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Ausstellungen machen sichtbar, wie gesellschaftliche Verhältnisse, Literatur, technologische Entwicklungen, Politik, Klassenfragen und Ökonomie auf die Produktion von Kunst einwirken – und welche Erkenntnisse sich daraus für die Gegenwart gewinnen lassen.
Mit der Herbstausstellung Der große Michelangelo ist tot! Avantgarde und Akademismus, die am 1. Oktober eröffnet, rückt die Akademie der bildenden Künste Wien nun in einer weiteren Facette dieses Ansatzes das kreative Spannungsfeld zwischen Avantgarde und Akademismus in den Mittelpunkt. Die Schau entfaltet einen Parcours durch die Geschichte der Akademien – von Vasari und Michelangelo über die französische Akademie Le Bruns und die deutsche Akademie Sandrarts bis in die Gegenwart – und die Reaktionen der unterschiedlichen historischen Avantgarden. Reenactments sowie Beiträge zeitgenössischer Künstler:innen erweitern den Blick auf die anhaltende Wechselwirkung zwischen Kanon und Erneuerung.
Als eklektischer Essay durch die Zeiten gestaltet, zeigt die Ausstellung, dass das Neue und die Avantgarde sich häufig in bewusster Abgrenzung zur Akademie entwickeln, zugleich jedoch von ihr profitieren – und umgekehrt. Sichtbar wird ein grundlegender Mechanismus kultureller Entwicklung: Was zunächst als Avantgarde auftritt, kann später selbst zum Kanon werden und wiederum von neuen künstlerischen Bewegungen hinterfragt werden.
Die reichen Bestände der Kunstsammlungen der Akademie werden durch bedeutende Leihgaben ergänzt. Zu diesen zählen Werke von Vasari, Le Brun, Poussin und Sandrart sowie Positionen von Picabia, Lichtenstein und Immendorff. Rund zehn neue Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen wurden eigens für die Ausstellung geschaffen und setzen aktuelle Akzente innerhalb des facettenreichen kuratorischen Konzepts von Helmut Draxler.
Wir wünschen Ihnen einen erkenntnisreichen und anregenden Herbst mit unserem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm.
Ihre Sabine Folie
Direktorin
und das Team der Kunstsammlungen
Akademie der bildenden Künste Wien